Der schlimmste Schreck

 / Allgemein  / Der schlimmste Schreck

Der schlimmste Schreck

Es war ein schöner, sonniger aber auch sehr windiger Tag in Tarifa/ Spanien. Nach den üblichen Erledigungen wie einkaufen und das Wohnmobil mit Wasser versorgen, fanden wir einen richtig schönen Stellplatz direkt am Strand. Tarifa ist Hochburg für Kitesurfer und an diesem Strand waren wieder eine Menge unterwegs. Das Gute war, dass es, bevor man in den Atlantik musste, noch eine Art kleine Lagune gab, in der keine Wellen waren aber durch den Wind konnten dort gut einige Anfänger im nicht ganz so kalten Wasser üben. Mein Sohn Leon hatte seit kurzer Zeit einen kleines Schwimmbrett, mit dem er schon fleißig Wellenreiten übte und an diesem Strand schien ein perfekter Platz dafür zu sein. Ich wollte im Wohnmobil Mittagessen machen und Mario ging mit Leon zum Strand. Leon ist ein sehr guter Schwimmer und hat sein silbernes Schwimmabzeichen. Außerdem kannte er den Atlantik schon sehr gut und wusste, wie er die Wellen einzuschätzen hatte. Zunächst wollte er nur in dieser Lagune schwimmen aber das wurde ihm schnell langweilig. Deswegen sagte er Mario, dass er in „die richtigen Wellen“ gehen würde und Mario kam kurz vorbei, um mir dies mitzuteilen. Ich sagte, dass das ok ist und es gut wäre wenn er trotzdem gucken würde, wie Leon zurecht kommt. An diesem Tag waren die Wellen nicht so stark aber wie das Mutterherz so ist, wollte ich lieber , dass jemand ein Auge auf ihn hat. Mit seinem Brett, dass mit einer Schnur an seinem Arm befestigt ist, kann im Grunde auch nicht viel passieren und dass Wasser war auflaufend (darauf achten wir immer sehr, denn auch am Atlantik gibt es die Gezeiten). Man konnte ewig weit rein laufen, trotzdem ging es nur bis zu Hüfte. Weiter durfte Leon auch nie gehen. Mario ging also sofort wieder zurück zum Strand und ich schnippelte im Wohnmobil weiter an den Zucchinis rum.
Noch in Gedanken das Essen weiter zubereitend , klingelte ca. 10 Minuten später mein Handy. ‚Mario‘ stand auf dem Display. Da kam schon das erste Mal ein leicht merkwürdiges Gefühl auf mit der dazugehörigen Frage, wieso er mich denn anrufe. Ich gab dem Gedanken keine weitere Aufmerksamkeit und ging ans Telefon. „Komm mal bitte,“ sagte Mario…“Komm mal raus, er ist hier nicht.“ Sofort gab es einen Stich in meinem Magen, mein Herz schlug schneller…Der erste Anflug von Panik aber gleichzeitig immer noch die Hoffnung, dass Mario gerade einen Scherz mit mir treibt, mit dem gleichzeitigen Wissen, dass er darüber NIEMALS scherzen würde. „WAS? Mann Mario….,“kam es nur aus mir heraus und er sagte noch einmal: “Komm mal raus, er ist hier nicht.“ Das Gefühl in mir steigerte sich und nur mit großer Anstrengung gelang es mir, nicht vollkommen auszuflippen. Natürlich legte ich sofort auf, murmelte die ganze Zeit nur sowas wie: “Oh nein…“ und: “Bitte nicht…“ und was man in solchen Momenten so alles an Gedanken in sich hat. Ich nahm noch den Autoschlüssel, schlug die Wohnmobiltür zu und lief zum Strand, dabei ein Stoßgebet zum Himmel schickend: “Bitte lass ihm nichts passiert sein, bitte lass ihn wieder auftauchen.“ Ich dachte aber auch, wenn Mario ihn schon nirgendwo sieht, wie soll man dann ihn je finden? Zum Teil sah ich innerlich schon die Boote und Taucher nach ihm suchen. Diesen Gedanken gab ich allerdings so wenig Aufmerksamkeit wie möglich, denn noch war nicht viel Zeit vergangen und er konnte noch überall sein und plötzlich wieder erscheinen. Mein Körper hatte schon genug mit all den Angst – und Panikanzeichen zu tun. Denn diese Situation kannte ich bereits… Einen Anruf mit einer sehr schlimmen Nachricht und absolut überraschend und unverhofft… damals, im Jahr 2002 als mein Vater mich nachts mit einem Anruf aus dem Schlaf riss und mir sagte, dass die Polizei gerade geklingelt hat und ihm mitgeteilt hat, dass meine kleine Schwester (sie war damals 24 Jahre alt) in Portugal einen Autounfall gehabt hat…um dann die Wörter: “Einen tödlichen Unfall“, hinterherzuschieben. Ich kannte das Gefühl des Schocks bezüglich der Absolutheit einer solchen Mitteilung, die keine Hoffnung mehr übrig ließ. Es gab einen kleinen Moment, in dem wir alle hofften, die Polizei hätte sich geirrt. Aber sie hatten ja ihren Ausweis. Damals legte ich den Telefonhörer auf und sagte, während ich meinen großen Sohn (damals 3 Jahre alt) weckte, weil ich schnellstmöglich zu meinem Vater fahren wollte, die ganze Zeit nur :“Scheiße, scheiße, scheiße.“ Bitte entschuldigt diese Wortwahl aber es war nun mal das Einzige, was aus mir zum damaligen Zeitpunkt heraus kam.
Mein ganzes System kannte also die Reaktion auf eine solche Nachricht und doch gab es einen gravierenden Unterschied zu meiner Gefühlswelt von damals. Während ich damals dachte, ich sei diese Rolle, durchlebte ich zwar jetzt eine mindestens ebenso intensive Gefühlswelle, doch die Identifikation mit der Rolle war absolut nicht vorhanden. Trotz allem waren schlagartig alle Gefühle dazu da. Und am schlimmsten die Angst, Leon wäre ertrunken. Wahrend „Ich“ dabei war, nur meine Gedanken und Gefühle unter (vermeintlicher) Kontrolle zu behalten (als ob das möglich wäre), um noch halbwegs zu funktionieren (schließlich musste ich ja meinen Sohn wiederfinden), ruhte über allem die Stille. Alles geschah gleichzeitig… Alle Glieder zitterten, in meinem Kopf liefen die weiteren Vorgehensweisen ab, die wir unternehmen müssten, zusammen mit den Gedanken: „Ihm ist nichts passiert, er taucht hier gleich wieder auf,“ und: „Das darf nicht sein, was soll ich jetzt machen“, mit gleichzeitiger absoluter Unbetroffenheit. Mit all diesem Durcheinander in mir lief ich also rüber zum Strand und hielt schon von weitem Ausschau. Zuerst musste ich an dem seichten Wasser der Lagune vorbei. Ich schaute…links…rechts…links….rechts und sofort wieder links….Denn da kam er… er spazierte gerade mit seinem Brett unter dem Arm aus dem Wasser der Lagune heraus… er war gar nicht am Strand unten… „Manno Leon…“ kam es nur aus mir heraus und sofort nahm ich das Telefon und rief Mario an. Dann kamen die Tränen und ich sagte ihm, Mario hätte ihn schon gesucht und wir dachten, ihm wäre etwas passiert. Er sagte, er kam gerade quer rüber geschwommen, um zurück zum Wohnmobil zu kommen und ihm würde schon nichts passieren, er wisse doch Bescheid und ihm war es zu kalt mit dem Wind und er könne doch schwimmen…usw. usw.
Tja…Was möchte ich mit diesem Blog gerne mitteilen? Dies ist nämlich keine Geschichte, die ich euch als Aufarbeitung vergangener Erlebnisse erzähle. Ich möchte euch mitteilen, dass nach der Desillusionierung/ der „Erleuchtung“ das Leben mit all seinen Facetten weiterhin geschieht, wie es soll. Dies tue ich mit einer sehr gefühlsstarken und extra intensiven Erzählung eines Erlebnisses. Denn es gibt schon genug „spirituelle Lehrer“, Erleuchtete usw. ,die durch Verallgemeinerungen und „nette Weisheiten“ nicht auf die (trotz allem oder besonders dann) intensiven Gefühlswelten eingehen, die im Laufe des Lebens so geschehen können. Es ist nicht so, dass es plötzlich nichts mehr gibt, was einen bewegen und Gefühle in einem auslösen würde. Besonders in Bezug auf das Thema Tod können immer wieder neue Dimensionen hervorbrechen. Einzig und allein die persönliche Identifikation mit dem was geschieht fällt weg. Wenn Verzweiflung, Hilflosigkeit, Traurigkeit, Wut, Verlustgefühle und Todesangst erfahren werden sollen, dann wird dies geschehen. NIEMALS wird es jemanden geben, der dies verhindern könnte. Wir können uns vorbereiten, gesund ernähren, Sport treiben, Medikamente nehmen… Wenn wir oder jemand uns nahe Stehender krank werden oder sogar sterben sollen, dann wird dies geschehen. Mein Vater war sein Leben lang Nichtraucher, hat sich gesund ernährt und ist regelmäßig zum Fitness und zur medizinischen Vorsorge gegangen. 2014 ist er im Alter von 69 Jahren gestorben…An Lungenkrebs. Die Rolle ist gestorben. Das, was er ist, ist nie irgendwo hingegangen.
Der Tod fährt immer mit…so heißt das Sprichwort… Und ich könnte euch jetzt einen langen Beitrag über Nonduales Bewusstsein und den nicht-vorhandenen Tod schreiben aber das möchte ich in diesem Blog gar nicht, dazu wird es einen anderen Blog geben.
Wenn ein großer Schreck erfahren werden soll, dann wird das passieren. Nothing is under control. Göttliches Chaos, göttlicher Schreck, göttlicher Tod und ebenso göttliche Liebe. Und all dies ist ein und DASselbe und nicht getrennt von dir. DU bist die Vergänglichkeit und DU bist der Tod und das Leben…DU bist das Göttliche… DU bist alles und nichts… und auch der größte Schrecken. Also fühle jedes Gefühl bis in die tiefste Faser. Widerstehe nicht, erlebe den Schrecken und finde heraus, wer derjenige ist, der sich erschreckt. In Dankbarkeit für alles, was ist. Eure Tina

Share
koenig_t
Tina König

Comment

  • Avatar
    Margit Hildesheim
    18. April 2019 at 21:00

    Danke, liebe Tina, für die sehr aufregende und gleichzeitig auch sehr berührende story…
    Was für ein furchtbarer Schreck….. Ich war beim Lesen ganz aufgeregt und war voll dabei. Was für ein nightmare für euch beide. 🙁
    Ich konnte sowohl mitfühlen, was du durchlebt hast, als auch, was Mario durchgemacht haben muß. Vermutlich war der einzig „Entspannte“ der Leon.

    Aber deine message, die du vermitteln und rüberbringen möchtest, ist angekommen. Zumindest hier :-). Mit deinen Zeilen wirst du bestimmt in Vielen ähnliche Erinnerungen wecken, so wie in mir. Es tauchten selbst erlebte Schreckensmomente wieder auf….und damit kamen Gefühle hoch. Und das kann von „mir“ mittlerweile als Geschenk angenommen werden. Danke für dieses Geschenk. (big hug) Und….JAA, alles mit gleichzeitig absoluter Unbetroffenheit 🙂 Das ist schon mehr, als ein Geschenk… (…und wenn ich wüßte, wie ich hier jetzt ein smiley-Küsschen machen könnte, würde hier grad eins auftauchen 😉 )

    Wenn du weiter sooo schreibst, werde ich mir wohl jedesmal vor Beginn des Lesens Tempos bereithalten dürfen ;-)))))

    And….by the way…. ich finde eure Startseite jetzt viiieeel besser mit dem schnuckeligen Video von euch :–)

    „bis gleich“….
    Namsté,

    „Margit“

Post a Comment