Ewiger Frieden

Ewiger Frieden

Da stand sie nun am Fenster ihrer kleinen 2- Zimmer- Wohnung und blickte nach draußen auf die Straße. Das Licht der untergehenden Sonne reflektierte sich in den Fenstern der gegenüberliegenden Wohnhäuser und blendete ihre Augen. Gedanklich ließ sie das vergangene Jahr Revue passieren. Es war ein Jahr, dass sie immer und immer wieder an ihre Grenzen gebracht hat. Sie war mit Situationen konfrontiert, die ihr in ihren kühnsten Träumen nicht eingefallen wären. Welcher „normale“ Mensch würde auf die Idee kommen, dass er sich vollkommen überraschend und unverschuldet inmitten von Wirtschaftskriminalität wiederfinden würde. Beinahe schon im Minutentackt befand sie sich in einer Gefühlsmischung von absoluter Existenzangst gefolgt von anschließender Erleichterung, um darauf durch unverhoffte Nachrichten wieder tief in die Existenzangst zu rutschen.

Als hätten diese Erlebnisse nicht schon genügt, verlor sie ihren Job und war kurz vor der tatsächlichen finanziellen „Pleite“. Die Sorge um ihre eigene und die Zukunft ihrer Kinder schien sie innerlich aufzufressen.

Und jetzt war der Zeitpunkt gekommen, an dem sie nicht mehr konnte. Sie stand am Fenster, versuchte durch das blendende Sonnenlicht irgendetwas zu erkennen und merkte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. Eigentlich wollte sie doch nie viel… Genug Geld, um nicht bei jeder Rechnung neu zu überlegen, wie sie sie bezahlen sollte… Zeit für ihre Kinder wäre noch toll… ein schönes und gemütliches Zuhause und natürlich Gesundheit. Bei letzterem hatte sie das Gefühl, sie würde ihr langsam abhandenkommen. Immer wieder hat sie neue Kräfte mobilisiert, sich neue Möglichkeiten einfallen lassen und ihren Glauben an das Gute nicht verloren. Doch gegen Hinterlist und Lügereien kam sie einfach nicht an. Sie spürte die tiefe Traurigkeit, Verzweiflung, Hilflosigkeit und Wut und konnte nichts mehr zurückhalten. Schreiend vor Wut, schluchzend unter Tränen und vollkommen kraftlos fiel sie dort wo sie stand auf die Knie. Durch die Tränen konnte sie nichts mehr sehen und durch die Gefühle in ihr hatte sie keine Verbindung mehr zu ihrem Umfeld. Ihr Kopf fiel nach vorne gegen die Wand, ein unglaubliches Schluchzen schüttelte ihren Körper durch und sie war bereit, genau in diesem Moment zu sterben. Ja, sie flehte Gott förmlich danach an. Ihr Körper sackte in sich zusammen und sie fühlte nur noch zittern, schütteln und tiefe Schmerzen. Wellen eines riesigen Verlustes (dem Verlust ihres Lebens) schwappten über sie hinweg und ließen sie nach Luft japsen. Ihr Körper wand sich in schier endlosen Zuckungen und Krämpfen, das Gesicht schmerzverzerrt zu einer unkenntlichen Maske… Ein Zustand, in dem sie als Person nicht mehr existierte. Sie hatte die Verbindung zu ihrem Körper und allem um sie herum längst verloren und befand sich in einem leeren Raum, während eine Schmerzwelle nach der anderen ihren Körper krampfartige Bewegungen ausführen ließ, die an Rand des Möglichen gingen. Wie lange dieser Zustand anhielt ist unmöglich zu sagen und würde man sie heute danach fragen, könnte sie diese Frage nicht beantworten. Für sie gäbe es auch keinen Grund mehr, diese Frage zu beantworten. Jegliche Wichtigkeit in Bezug auf sämtliche Lebensfragen wurde in diesem Augenblick aus dem Köper- Geist- System gebrannt.

Jedoch wie von selbst beruhigte sich plötzlich alles wieder und sie lag  nur  schlapp und regungslos auf dem kalten Fußboden, jedoch spürte sie weder den Fußboden noch seine Kälte. In ihrem Kopf war absolute Gedankenstille… Sie hatte sich, bzw. ihren Körper und ihr „irdisches“ Leben hingegeben… in Gottes Hände und Stille kehrte ein. Sie war diese Stille…nicht ihr Körper und ihre Umgebung waren still… Sie war still… nicht ihre Gedanken waren still… sie war es… sie war diese vollkommene und absolute Stille, obwohl ihre Ohren die Autos hörten, die vor ihrem Fenster vorbeifuhren.  Es gab keinen Körper, keine Umgebung, keinen Fußboden und keine Probleme mehr. Nichts war mehr vorhanden außer absoluter Stille. So lag sie da, äußerlich ein Körper, den andere anblicken konnten jedoch innerlich war sie leer…still und leer und gleichzeitig ungetrennt von Allem. Ihre persönliche Geschichte hatte sich aufgelöst. Bloß wohin hatte sie sich aufgelöst? Nein, sie hatte sich nicht aufgelöst, es hat diese Geschichte nie gegeben. Alles entschwand und war im selben Augenblick nie vorhanden gewesen. Auch die Ruhe war keine Ruhe…sie war einfach nichts…ein tiefer Friede trat ein, wobei dieser Friede nicht vergleichbar ist mit dem weltlichen Frieden. Dieser Friede IST, ohne dass es dafür äußere Umstände geben müsste. Dieser Friede ist noch nicht einmal Friede…er ist die vollkommene Unberührtheit von Allem.

Wie viele Jahre war sie auf der Suche nach dem ewigen Frieden, dem Ende des Leids. Einem Ort, an dem es keine Probleme mehr geben würde. Und nun war die Suche beendet. Jede gefühlte, leidverursachende Trennung zwischen ihr und „dem Rest der Welt“  war aus ihrem Körper herausgebrannt worden. Langsam und mit zitterndem Körper erhob sie sich wieder. Sie fühlte die Bewegungen, die hierfür nötig waren und die sich wie von selbst ausführten. In ihr gab es keinen Grund und keine Motivation, wieder aufzustehen und dennoch geschah es, wie eine Marionette, die an Fäden gezogen wurde ohne einen vorhandenen Puppenspieler. Ihre Augen hoben den Blick und sahen aus dem Fenster. Sie sah Bäume, Autos und Menschen…sie sah die Wolken und die Sonne am Himmel und sah in allem nur noch sich. Nicht sich als der Mensch, der sie bis vor diesem Geschehen noch gewesen war… Sondern sich als alles, was ist. Sie sah noch nicht einmal sich, sondern WAR dies alles. Sie war die absolute Teilnahmslosigkeit, Sinnlosigkeit und Unberührtheit von Allem und gleichzeitig die vollkommene bedingungslose Liebe. Nichts musste mehr anders sein als es war. Ihr Körper wurde von warmen Wellen ergriffen, die sich aus ihrem Herzen, Bauch und Unterleib nach außen hin in immer stärker werdenden Stößen auszubreiten schienen. Es war ein „kosmischer“ Orgasmus und zugleich die größte Selbstbefriedigung, ohne dass hierfür eine sexuelle Handlung nötig war. Eine Explosion der Liebe, die nie wieder verging und die nichts und niemanden ausschloss. Sie war diese Liebe in jedem Baum, jedem Tier, jedem Menschen und auch in jeder Situation, die sie zuvor noch so zusammenbrechen lassen hat. Ihr wurden „die Augen geöffnet“ und sie konnte sehen…zum ersten Mal konnte sie tatsächlich sehen. Ein Sehen, dass über jedes weltliche Bild hinausgeht.  Alle Verblendungen von ihr genommen worden. Sie war eins mit sich und der Welt…

Und obwohl es keinen ewigen Frieden mehr benötigte, so war dieser unwiderruflich und unerschütterlich einfach vorhanden.

 

In Liebe

Tina

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Tina König

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