ICH BIN MUTTER EINES „ANDERSARTIGEN“ KINDES

Mein Sohn ist Asperger-Autist. Er ist, neben meinem anderen Sohn, das Beste was mir je passiert ist und ich liebe ihn… Und ja, ich würde sagen, innerhalb dieser Mutterliebe bedingungslos.
Als er vor 13 Jahren auf die Welt kam, konnte ich noch nicht mal annähernd ahnen, was auf mich zukommen würde. Seine Entwicklung in den ersten drei Jahren war relativ normal. Und dann kamen sie so allmählich… Die Beanstandungen und Verbesserungen von außen… Von der Familie, der Kita… Allerdings nicht vom Kinderarzt und auch bei jeder Untersuchung, die wir auf Anraten einiger machen ließen, kam noch nichts wirklich auffälliges heraus. Jedoch war er schon immer „anders“. Die ersten Malversuche wurden sofort beendet, weil das Ergebnis nicht perfekt genug und originalgetreu aussah…die Essensvarianten konnte und kann man an 2 Händen abzählen…die Frustrationstoleranz war extrem niedrig und die Konzentrationsfähigkeit ging gen Null… Schließlich war er ja meistens in seiner eigenen Welt. Die Nächte sahen bis zu einem Alter von 11 Jahren so aus, dass ich alle 2 Stunden geweckt worden bin (oft genug aus dem totalen Tiefschlaf), entweder mit Schreien und Weinen oder mit lautstarken Erzählungen oder Schlafwandeln, woran er sich nie erinnern konnte. Für eine bei mir bis heute andauernde Schlafstörung wurden also die Grundsteine gelegt. Der Alltag wurde begleitet von seiner ständigen Verlustangst, was jedes Weggehen in großen Stress ausarten ließ. Feinmotorik fiel und fällt ihm extrem schwer, was das Schreiben in der Schule zu einer Tortur machte und immer wieder zu Verweigerung führte. Sarkasmus und Ironie kann er nicht verstehen… Er nimmt alles wörtlich… Sprüche wie „das war ein Wink mit dem Zaunpfahl“ werden also wörtlich genommen und sich zusätzlich bildlich vorgestellt (das ist nur ein Beispiel). Interessant wird dann auch die Variante wenn man sagt, „um 10 werden die Bürgersteige hochgeklappt“. Diese zwei Beispiele sind noch lustige Varianten… Jedoch wie oft sprechen Menschen im Alltag sarkastisch, ironisch und zweideutig. Ein Mensch, der das nicht erkennen kann, läuft durch die Welt und fühlt sich wie ein Außerirdischer. Mit der Schule ging es dann erst richtig los. Das erste Elterngespräch hatten wir schon nach 5 Wochen. Und seine Motivation sank auf minus Eins. Irgendwann sagte er, dass er ein Versager ist, nichts versteht und alles immer viel zu schnell geht. Wir hatten allerdings immer Glück mit seinen Lehrern und schnell bekam er Erleichterungen in Form von einem Förderstatus. Das änderte aber nichts daran, dass er in einer Klasse von fast 30 Kindern stets und ständig überfordert und überlastet war.
Um es kurz zu fassen, jetzt haben wir die Diagnose.
Und ich bin froh für ihn, da er nun viele Möglichkeiten bekommt, die er ohne diese nicht hätte.
Jedoch war der Weg bis dorthin ein Weg, der mich über Grenzen gehen ließ, von denen ich dachte, das wäre unmöglich. Das autistische Kinder durch ihre Besonderheiten für jede Mutter/Familie eine extreme Herausforderung sind, ist klar. Es hat mich sehr viel Kraft gekostet und das tut es immernoch. Was jedoch noch unverhältnismäßig mehr Kraft gekostet hat, waren die ständigen Auseinandersetzungen, Rechtfertigungen, Erklärungen und Verteidigungen gegen Besserwissereien der Mitmenschen.
Immerzu wissen immer alle alles besser… Da wird behauptet, er müsste strenger erzogen werden… Ich wäre zu inkonsequent… Es würde gar nicht stimmen, wie ich die Dinge sehe… Er muss es besser können… Wenn er doch das eine kann, wieso kann er das andere dann nicht… Am meisten treffen innerlich solche Behauptungen wie: „Man muss also nur eine Diagnose haben und schon darf man sich verhalten wie der letzte A…. „. Oder als Mutter wird einem unterstellt, dass man keine Ahnung von seinem Kind hat, weil man die eigenen blinden Flecken nicht sieht.
Wann hat das eigentlich in unserer Gesellschaft angefangen, dass Müttern immer wieder unterstellt wird, sie würden ihre Kinder nicht richtig kennen…zu sehr verwöhnen…hätten keine Ahnung von Kindererziehung (wobei dieses Wort langsam echt verboten gehört, weil es scheinbar bedeutet, über die Bedürfnisse der Kinder hinwegsehen zu sollen)? Welche Rechtfertigungen gibt es dafür, dass der Stellenwert der Mutter im Umgang mit ihren Kindern so sehr gesunken ist?
Ja, es ist anstrengend… Es ist anstrengend, wenn der Tag sofort nach dem Wachwerden schon mit Gemecker los geht, weil dieses frühe Aufstehen für ihn eine Qual ist. Autisten haben diese Wahrnehmungsfilter nicht… Weder was Geräusche und Gerüche betrifft, noch was die eigenen Gefühle und Schmerzen betrifft. Sobald sie wach werden, werden sie ungefiltert überschüttet von allen äußeren und inneren Reizen. Da wird selbst das frühe Aufstehen zu einer noch größeren Qual als für „normale“ Menschen und selbst für diese ist es oft schon zu viel.
Der Tag mit einem Autisten beginnt mit Gemecker und endet oft auch mit Gemecker… Außer natürlich, sie bekommen, was sie wollen… Alles, was außerhalb ihrer eigenen Motivation und Wunschvorstellung liegt, erregt erstmal starken Widerstand. Hinzu kommt, mitzubekommen, dass die „Welt da draußen“ ihn stets und ständig falsch versteht…dass sie bestimmte Verhaltensweisen erwartet, die sich ja „schließlich so gehören“…dass sie ihre eigenen Projektionen übertragen und ihm häufig Manipulation und Vorsatz und Unehrlichkeit unterstellt wird. Dabei ist es einem Autisten fast unmöglich zu lügen. Sie können es einfach nicht… Statt dessen platzen sie oft einfach ungebremst mit ihren Ansichten heraus, ohne dass sie diese böse meinen… Wenn Leon also mal raus gehauen hat, dass jemand dick ist, dann war das einfach nur eine vollkommen wertfreie Feststellung ohne Hintergedanken.
Wenn jemand über sich im Gespräch mit Leon immer gesagt hat, er wäre ein alter Sack, dann kann es passieren, dass Leon das in einer anderen Situation vor aller Öffentlichkeit auch zu demjenigen sagt… Aber nicht, weil er ihn beleidigen wollte, sondern nur, weil derjenige ja selber über sich so gesprochen hat und er dachte, das wäre in Ordnung so. War es aber nicht und statt dessen bekam er dafür Ärger. Wenn er in Gedanken versunken mal vergessen hat, Hallo zu sagen, bekam er mehr als einmal eine Ansage dafür. Dabei hat er das nicht aus Boshaftigkeit gemacht, sondern einfach, weil er in seiner eigenen Welt war. Aber diese Anstandsformen werden in unserer Gesellschaft ja erwartet. Genauso wie, dass er gefälligst still zu sitzen hat am Tisch und niemals dazwischen reden darf, wenn sich andere unterhalten. Natürlich sind gewisse Dinge wichtig und er wird nicht drum rum kommen, sie zu lernen. Was gibt anderen aber das Recht, ihm zu unterstellen, er wäre extra böse oder gemein? Er sagt manchmal Dinge, die für ihn völlig neutral sind und wenn ich ihm dann hinterher erkläre, was das mit dem anderen gemacht hat, dann sagt er, dass ihm das doch jemand sagen muss, weil er das doch sonst nicht weiß… Und es stimmt… Er sagt die Wahrheit.
Und es gibt unendlich viele schöne und gefühlvolle Besonderheiten, die nur mit einem Kind wie Leon möglich sind… Er ist sehr sensibel und gefühlvoll…denn Autisten sind nicht emotionslos…sie erleben Gefühle sogar noch viel intensiver als wir…sie können sie einfach nur nicht so zeigen und rüber bringen, weil sie selbst mit ihrer Gefühlswelt überfordert sind. Leon ist in vielen Dingen so reflektiert, dass wir uns von ihm eine Scheibe abschneiden können. Und er ist nicht nachtragend und gibt ständig neue Chancen… Bis zu einem gewissen Punkt aber bis der erreicht ist, dauert es lange. Er fühlt sich ständig minderwertig und unfähig, weil einfach dauernd vieles fehlinterpretiert wird. Als unser Kater Jerry mit seiner Blasenentzündung anfing, war er der Erste, der dies mitbekommen hat. Dafür sucht er aber manchmal Dinge, die direkt vor seiner Nase liegen. Er versucht, immer alles richtig zu machen und tritt von einem Fettnäpfchen ins nächste.
Ich fühle mit ihm… Alle wollen das er jemand ist, der er nicht sein kann.. Er hasst es, gezwungen zu werden… Niemand mag das aber er war der erste, der das schon mit 5 auch genau so äußerte. Und er hat einen extremen Gerechtigkeitssinn… So durfte ich mir schon mal starke Vorwürfe anhören, wie z. Bsp. zu seinem Geburtstag als wir ins Tropical Islands gingen. Weil das ja bekanntlich sehr teuer ist, bat ich die Eltern der eingeladenen Kinder, wenigstens ein kleines bisschen Geld für Essen, dass die Kinder sich dort holen wollen, mitzugeben. Leon fand das schlimm, denn schließlich war es ja sein Geburtstag und die Kinder waren eingeladen…das wäre unfair. Ich konnte es ihm erklären und dann war es ok. Das ist wieder nur ein Beispiel von vielen…
Er hat unendlich viele Stärken…so wie jeder Mensch. Die letzten 1,5 Jahre war ich damit beschäftigt, ihm das verständlich zu machen.

Also Mütter, vertraut eurem Gefühl, ihr wisst am Besten, was in euren Kindern vorgeht. Seid offen für Kritik und Vorschläge. Aber seid auch immer ehrlich euch selbst gegenüber, egal wie es sich anfühlt. Und wenn andere etwas vermeintlich besser wissen und euer Gefühl SCHREIT etwas anderes, dann hört darauf. Ihr seid richtig. Es wird Zeit, dass die verkopfte Strenge der männerdominierenden Welt mal abgelöst wird von der weiblichen Weichheit und Sanftheit. Auch wenn dies bedeutet, erstmal kraftvoll den Herausforderungen entgegenzustehen. 🙂🙏❤️

Eure Tina❤️

koenig_t
Tina König

No Comments

Post a Comment